27. Januar 2014

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

Wiesbaden – Die gemeinsam von Hessischem Landtag, Hessischer Landesregierung, Landeswohlfahrtsverband Hessen, Hessischem Städtetag, Hessischem Städte- und Gemeindebund sowie Hessischem Landkreistag ausgerichtete jährliche Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus fand heute im Hessischen Landtag statt. Die Gedenkrede hielt Adam Strauß, Vorsitzender des hessischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma.

Die Gedenkveranstaltung geht zurück auf eine Empfehlung des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, der 1996 angeregt hatte, am 27. Januar eines Jahres in besonderen Veranstaltungen der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Im Jahr 2005 wurde dieser Tag zudem durch die Vereinten Nationen als „Internationaler Gedenktag für die Opfer des Holocaust“ bestimmt.

Der Präsident des Hessischen Landtags, Norbert Kartmann begrüßte die Gäste im Hessischen Landtag zu dieser Gedenkveranstaltung, die erstmals im Jahr 2002 im Hessischen Landtag stattgefunden hat. Der Hessische Landtag führt seitdem gemeinsam mit der Landesregierung eine jährliche Gedenkstunde in Kooperation mit den Kommunalen Spitzenverbänden und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen durch. „Dieser Tag gilt allen Opfern des Holocaust, allen Opfern der nationalsozialistischen Diktatur“, so Landtagspräsident Kartmann.

„Am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz gedenken wir aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, sagte der stellvertretende Hessische Ministerpräsident Tarek Al-Wazir. Auschwitz sei zum Synonym für den Holocaust geworden – für die Shoa, die Ermordung der europäischen Juden, aber auch für die Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma, führte er weiter aus. „Wir verneigen uns in Scham und Trauer vor den Millionen Opfern des Nationalsozialismus. Um sie nicht zu vergessen, schweigen wir nicht, sondern erinnern uns. Denn Erinnerung ist Pflicht gegenüber den Toten und Verpflichtung auf eine friedliche Zukunft“, so Al-Wazir.

„Am heutigen Tag gedenken wir der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz“, so der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma, Adam Strauß in seiner Rede. „Auschwitz ist der Inbegriff für den Völkermord der NS-Regierung an uns, Sinti und Roma, an den Menschen jüdischen Glaubens sowie vielen anderen Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet worden sind“, sagte Strauß. Am Beispiel seiner eigenen Familie zeigte Strauß die grausame Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma während des NS-Regimes auf. „In Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zeigte sich die unbarmherzige Härte und barbarische Unmenschlichkeit des NS-Regimes und seiner Helfer im Umgang mit Menschen – ihre Entwertung und ihr Leiden, ausgeliefert den Schikanen und der Willkür durch die Bewacher.“ Nach dem Krieg sei es für die Überlebenden schwer gewesen, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Strauß mahnte hier besonders die anfängliche Verweigerung von Entschädigungszahlungen an und lobte die Schaffung des Hessischen Härtefonds der hessischen Landesregierung, der viel dazu beigetragen habe, dass Überlebende in Hessen im Rahmen des Fonds Gerechtigkeit erfahren hätten.

Noch heute wirke sich das Bild des „Zigeuners“ verhängnisvoll auf die Menschen der Minderheit aus. „Es ist notwendig, die tief im gesellschaftlichen Bewusstsein vorhandenen Vorurteile und stereotypen Vorstellungen über Sinti und Roma, die so genannten ‚Zigeunerbilder‘ zu benennen und darzustellen – und auch zu de-konstruieren. Dies sieht der hessische Landesverband als einen Schwerpunkt seiner heutigen Arbeit an. Die Erinnerung an die Vergangenheit soll eine Wirkung auf die Gegenwart haben! Wir erhoffen uns, mit unserer Arbeit beizutragen, die Werte der Demokratie und der Menschenrechte bewusst zu machen und damit auch zu verwirklichen“, betonte Strauß abschließend.

Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung eröffnete Landtagspräsident Kartmann die Ausstellung „Der Weg nach Auschwitz“. Der Historiker und Diplom-Politologe Dr. Udo Engbring-Romang gab eine Einführung in die Ausstellung, die die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma und den Antiziganismus in Hessen thematisiert.

„Es sind nicht Erfahrungen, sondern ‚Zigeuner‘-Bilder, die die Grundlage für Vorurteile und Ressentiments gegen Sinti und Roma bilden, die nach Jahrhunderten von Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung einen Völkermord möglich machten. Viele haben eine Vorstellung davon, wie Sinti und Roma sind, wie sich verhalten. Viele meinen, Wissen zu haben. Diese Bilder sind auf dem ‚Weg nach Auschwitz‘, wie wir die Ausstellung genannt haben, die Rahmenbedingungen für die Ausgrenzungen und Verfolgungen. Diese Bilder wurden von Chronisten geprägt, von Wissenschaftlern bestätigt, von Schriftstellern verarbeitet, in der Bevölkerung wahr- und angenommen und von Herrschaften und Regierungen genutzt“, sagte Engbring-Romang. „Der Weg nach Auschwitz“ stelle aber auch die Frage nach der Stellung der Sinti und Roma, nach ihrem Weg, nach ihrem Leben in unserer Gesellschaft nach Auschwitz, nach dem Völkermord und nach der sehr späten Anerkennung des Völkermordes, nach abermaliger Diskriminierung und nach erst späterer Anerkennung als nationale Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland, hob Engbring-Romang hervor.